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Die Qualität einer Erfahrung

Anknüpfend an meinen „Frühjahrsbeitrag“ zum Thema der Seele (hier anklicken) wird auch immer wieder die Frage gestellt: „Wie kann ich meine Seele füttern?“ Lassen wir einmal die unterschiedlichen Konzepte von Seele außer Acht und nehmen an, dass es eine Seele gibt. Dann stehen wir sofort vor dem „gedanklichen“ Problem, wie etwas gefüttert werden oder „wachsen“ kann, was eigentlich eine Qualität beschreibt und nicht eine Quantität. Bei der gewöhnlichen Vorstellung einer Menge, wie zum Beispiel eine Pflanze, ein Körper oder ein Bankkonto, können diese zunehmen, zum Beispiel durch Nahrung oder Geldeinzahlung. Eine Qualität jedoch wie zum Beispiel die Farbe Blau kann intensiver oder schwächer werden, sich aber nicht „vermehren“. Vergleichbares gilt für die Qualität „Seele“.

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„Der blaue Raum“, Gemälde von Nana Nauwald © 2015, Nutzung mit freundlicher Genehmigung.
Mehr zur Künstlerin siehe: www.visionary-art.de

Die Seele an sich können wir nicht erfahren, aber die Auswirkungen auf unser Leben, wenn sie gewachsen ist. Seelenwachstum kann nicht unter dem Konzept einer „Vermehrung“ gesehen werden, sondern es geht vielmehr darum, dass wir etwas in unsere Seele einbringen, das sie stärker werden lässt. Was könnte das sein oder wie würde das „funktionieren“? Das Schlüsselwort ist bewusste Erfahrung.
Auch wenn jede Erfahrung, jedes Erleben erst durch die Sinnesorgane möglich ist, kann eine Erfahrungsqualität zum seelischen Wachstum beitragen. Erfahrung an sich hat keine materielle, quantifizierbare Substanz, sie ist weder Schwingung noch eine Energie. Nur die Erinnerung an eine Erfahrung, damit verbundene Erlebnisse und Bilder werden im Gehirn und in der Seele gespeichert, doch ihre Inhalte und Bedeutungen für unser Leben sind nicht materiell „greifbar“. Wir können unsere Erfahrungen nicht wie Pokale auf ein Regal stellen, nur flüchtige Fotos oder Filme, die in einer bestimmten Situation aufgenommen wurden. Das Erleben selbst bleibt irgendwo im Bewusstseinsraum. Und dennoch definieren wir unser Leben über unsere Erfahrungen. Wenn wir sterben, verschwinden alle Erfahrungen – zumindest, wenn wir daran glauben, dass diese nur im Gehirn gespeichert sind und somit mit dem Körper vergehen. Wenn wir glauben, dass Erfahrungen in unserer Seele weiterleben und nicht mit dem körperlichen Tod vergehen, stellt sich die Frage, welche Erfahrungen und Erkenntnisse tatsächlich bleibend sind, wo sie dann verbleiben und ob wir oder unsere individuelle Seele aus diesen Erfahrungen bestehen oder sie abgespeichert hat.
Unbewusste Erfahrung – also das, was ständig unbemerkt mit mir geschieht – wird vermutlich vergehen. Damit meine ich auch den „Alltagstrott“, die vielen automatischen Abläufe und Verhaltensweisen, alle alltäglichen Aktivitäten wie Autofahren, einer Arbeit nachgehen usw. Die meiste Zeit geschehen diese Aktivitäten automatisch, ohne wirkliche bewusste Teilnahme. Dieser Punkt ist nicht leicht zu verstehen, weil wir so befangen in diesen Handlungen sind, dass wir nicht bemerken, dass sie mehr oder weniger Routine sind und wir eigentlich gar nicht innerlich daran beteiligt sind.
Nur die Qualität bewusster Erfahrung kann ich in „mich“, in mein Wesen aufnehmen. Wenn Erfahrung mit mir „geschieht“, wenn ich mit offenen Augen „schlafe“, dann nützt mir die Erfahrung, mag sie noch so interessant sein, nichts für mein inneres Wachstum.
Doch was ist Erfahrung überhaupt? Jeder Mensch macht eine „Menge Erfahrungen“. Alles, was wir erleben, ist eine Erfahrung. Wir nehmen ständig Sinneseindrücke auf, die vom Körper und den Neuronenaktivitäten im Gehirn in uns verarbeitet wird. Wir speichern auch eine ganze Menge davon ab und erinnern uns bei Gelegenheit oder durch bestimmte Impulse wie Gerüche oder Gefühle an diese Erfahrungen. Die meisten Eindrücke, die wir aufnehmen, werden jedoch unbewusst verarbeitet, das sagt auch die Gehirnforschung. Die Gehirnmessung besagt jedoch nur, dass Sinneseindrücke Spuren im Gehirn hinterlassen. Sie kann nichts darüber aussagen, was wir erfahren und was diese Erfahrungen in unserem Gehirn und Unterbewusstsein bewirken. Noch weniger kann damit die Qualität einer Erfahrung bewertet werden. Wo und wie wird die besondere Qualität abgespeichert? Wahrscheinlich nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Körper, in jeder Körperzelle. Doch was geschieht mit bewussten, mit absichtsvollen Erfahrungen, die eine andere Qualität haben als unbewusste Erfahrungen? Bewusste Erfahrungen wirken intensiver, sie haben eine andere Energie als die automatische und ständige Aufnahme von Eindrücken aus der Innen- und der Außenwelt des Körpers.
Allein unter diesem Gesichtspunkt ist es von großer Bedeutung, ob Erfahrungen mit uns geschehen und „flüchtig“ sind oder ob wir positive oder negative Eindrücke und Informationen in dieses Feld gelangen lassen. Mit mehr Wachheit und Aufmerksamkeit können wir einige Einflüsse so filtern, dass diese gar nicht die sensiblen Informationsfelder in unserem Körper erreichen. Glücklicherweise benötigen wir kein „technisches“ Instrument für diesen Filter. Wir haben die Fähigkeit zur absichtlichen, bewussten Wahrnehmung. Das Instrument dafür ist unsere Aufmerksamkeit.
Wenn wir die Aufmerksamkeit erweitern, stärken, länger aufrechterhalten können, stärken wir auch die seelische Qualität. Mit „mehr“ bewusster Aufmerksamkeit können wir nicht nur unwichtige oder sogar schädliche Einflüsse von außen abhalten, sondern auch bedeutende und lebensbejahende Erfahrungen in unsere Seele integrieren und somit zu ihrem Wachstum und ihrer Stärkung beitragen.
Das ist ein wichtiger Aspekt. Doch die gewöhnlichen Lebenserfahrungen reichen nicht aus, um die Seele „zu füttern“. Es ist notwendig durch innere Übungen auch in die „Tiefe“ der Seele zu gelangen und sie in der „Stille des Seins“ empfänglich werden zu lassen für Eindrücke und Kräfte aus der geistigen Welt. Beides ergänzt sich: Die äußere Arbeit mit Energie, Absicht und Aufmerksamkeit und die innere Arbeit, geistige Qualitäten aufnehmen zu können. Beide Seiten ergänzen sich und tragen so zu einem harmonischen Seelenwachstum bei.